Heiße Luft statt echter Lösungen im x-ten Masterplan

Heiße Luft statt echter Lösungen im x-ten Masterplan

Nach „Hannover City 2020+“ (Februar 2011), , dem „Masterplan Mobilität 2025“ (Juli 2011), und „Mein Hannover 2030“ (Februar 2016), hat die Landeshauptstadt Hannover – schon wieder – ein Konzeptpapier vorgelegt, das abermals der Stadtentwicklung und besonders dem Verkehr gewidmet ist. Der nicht gerade unprätentiöse Titel: „Masterplan für die Gestaltung nachhaltiger und emissionsfreier Mobilität (Green City Plan Hannover).“ Der Plan bildet die Grundlage für die Bewilligung von Fördergeldern des Bundes.

Wir haben uns den Maßnahmenkatalog einmal genauer angeschaut.*

Brave new world

Neben einigen guten Maßnahmenvorschlägen – im hinteren Teil des Katalogs – widmet sich der Plan zunächst ausgiebig den Segnungen der Digitalisierung und versucht geradezu krampfhaft deren Potential auszuschöpfen, um die einseitig auf den Autoverkehr ausgerichtet Infrastruktur künstlich am Leben zu erhalten.

So sollen Ampelschaltungen angepasst und besser aufeinander abgestimmt werden, oder auch Apps entwickelt werden (D3), die Fahrzeughaltern anzeigen, wie schnell sie fahren müssen, um die nächste Ampel bei Grün zu erreichen.

Es werden also ausgerechnet für diejenigen, die für die schlechte Luft verantwortlich sind, zahlreiche neue Systeme entwickelt und aufgebaut, damit sie schneller voran kommen. Je besser der Auto(!)verkehrsfluss, so die Logik, desto besser wird die Luftqualität.

Das Prinzip, dass hier ein Verkehrsträger begünstigt wird, eben weil er die Luft verschmutzt, muss man erstmal sacken lassen.

Vor der Gefahr, dass durch solche Maßnahmen zudem der Komfort für den Autoverkehr erhöht wird und auch mit geringeren Reisezeiten die Attraktivität des MIV steigt, warnen sogar die für den Masterplan zuständigen Planer in ihrem Abschlussplädoyer.

Aber nicht nur Autofahrer sollen von der „schönen neuen Welt“ der Digitalisierung profitieren. Auch dem ÖPNV und dem Radverkehr sollen die Segnungen zu Teil werden.

So ist auch die erste aufgeführte Maßnahme zum Radverkehr eine Digitalisierungsmaßnahme: Eine „Navigations- und BonusAPP für das Stadtradeln“, die aufgrund der Symbiose aus „Bonus-System und Wettkampf-Element“ „breite Nutzergruppen“ aktivieren soll.

Payback-Punkte fürs Radfahren sozusagen.

Dazu heißt es: „Ziel dieser Maßnahme ist es, das zum einen mehr Menschen die guten Bedingungen für den Radverkehr in der Region nutzen und so der Radverkehrsanteil in der Region weiter steigt.“ Und weiter: „Die spielerischen bzw. kompetitiven Elemente der App sollen zum anderen zusätzliche Menschen für das Fahrrad begeistern […]“.

Ich kann mir schon vorstellen, wie begeistert meine Oma sein wird, wenn ich ihr davon berichte! Sicherlich wird sie sofort jegliche Sicherheitsbedenken über Bord werfen und sich auf ihr Fahrrad schwingen, um auf dem Weg in die Stadt mit der App auf ihrem nicht-existierendem Smartphone Bonuspunkte zu sammeln. Von der „Attraktivität der Boni“ wird sie sich leicht überzeugen lassen, wenn sie beim Drogeriemarkt an der Kasse 10 Cent Preisnachlass auf die Tube Haftcreme bekommt.

Anreize statt bessere Angebote

Gleichsam an die Emotionen appelieren die geradezu revolutionären Ideen zum ÖPNV. Dazu heißt es im Masterplan: „Hinweise auf die Umweltfreundlichkeit des ÖPNV im Vergleich zum MIV, lassen bei den Nutzern ein positives Gefühl entstehen.“

Klasse!

Aber auch ganz handfeste Verbesserungen der Nutzerfreundlichkeit des ÖPNV werden angestrebt – abermals mit Hilfe der Digitalisierung.  Der Plan sieht vor, „Live-Zugfüllstände“ zu ermitteln und den Nutzern zur Verfügung zu stellen.

Ich freue mich schon darauf, wenn mir meine App jeden morgen schon vor Fahrtantritt zur Rush-Hour, mit der Push-Nachricht „Zug überfüllt“ #LustaufÖPNV macht.

Bitten und Betteln

Leider ist diese Maßnahme nicht die einzige aus der Rubrik „schlechter Scherz“.

Ein weiterer Witz ist wohl Maßnahme D 13: Die „Proaktive Verkehrssteuerung unter Einbeziehung lufthygienischen Echtzeit-Modellierung“.

Was das sein soll?

Es wird vorgeschlagen über Displays am Straßenrand den Autofahrern anzuzeigen, wenn wieder einmal dicke Luft herrscht. Diese Information wird dann verbunden mit der Aufforderung – nein, quatsch mit einer „Handlungsempfehlung“ bzw. “Entscheidungshilfe“ – doch bitte eine alternative (längere?) Strecke zu fahren, damit an einer bestimmten Stelle die Schadstoffgrenzwerte nicht überschritten werden.

Dazu wird ein Beispiel für einen möglichen Anzeigentext gegeben (kein Scherz!): „In 30 min wird es im Kreuzungsbereich xyz zu deutlich erhöhten NO2-Belastungen kommen. Bitte umfahren Sie diesen Bereich über Route A…“

Mal ganz davon abgesehen, dass es naiv ist zu glauben, ein bequem sitzender Autofahrer würde freiwillig von der kürzesten bzw. bequemsten Strecke abweichen; stellt eine solche Umverteilung von Schadstoffen – auf einer ggf. längeren Strecke – wirklich eine Verbesserung dar?

Nicht alles schlecht, oder?

Erst auf Seite 34 wird der Radverkehr das erste Mal ernsthaft angesprochen. Dabei werden neben Komfort-Gimmicks (Haltegriffe und Trittbretter) auch „intelligente Anforderungssysteme“ in die Diskussion gebracht.

Allerdings bleibt dem geneigten Radfahrer jegliche Euphorie im Halse stecken, da der „erweiterte Einsatz von Induktionsschleifen“ lediglich „geprüft“ werden soll.

Welch Geistes Kind die Vorschläge sind zeigt sich schließlich in folgendem Satz: „Besonders in den Nebenverkehrszeiten stellt dies [Induktionsschleifen für den Radverkehr] eine sinnvolle Möglichkeit dar, um den Fahrfluss des Radverkehrs zu verbessern.“

Heißt also: Zur Rushour hat der PKW-Verkehr weiter Vorrang. Lediglich wenn der Autoverkehr nicht ernstlich gestört werden kann, können Radfahrer auf eine automatische und schnelle Anforderung des Grünsignals hoffen.

Stadtweites Fahrradverleihsystem

Die durchaus positiven (wenn auch unkonkreten) Pläne, das Bike and Ride Angebot auszubauen, ein stadtweites Fahrradverleihsystem – das sogar in Kombination mit dem ÖPNV multimodal genutzt werden kann – aufzubauen und Radschnellwege und Velorouten auf den Weg zu bringen, werden schnell von Vorschlägen in den Hintergrund gedrängt, bei denen man sich nur die Augen reiben kann.

Der überambitionierte Plan der Stadt: „Nach politischer Beschlusslage soll die Herstellung von 10 Fahrradparkhäuschen im Stadtgebiet geprüft(!) werden, […]“.

Ja richtig gelesen: zehn Parkhäuschen im gesamten Stadtgebiet. Parkhäuschen wohlgemerkt, nicht etwa Parkhäuser!! Wie viele Räder in diesen „Häuschen“ Platz finden sollen, wird vorsichtshalber nicht erwähnt. Aber es wird ja auch erstmal geprüft…

Der „Masterplan“ krankt an zwei Symptomen

Statt einen Schwerpunkt auf den Umbau der Infrastruktur zu legen, wird versucht mittels  Anreizsystemen einen Wandel herbeizuführen (Nudging).

Die Strategie, dass mehr Autofahrer „auf freiwilliger Basis“ umsteigen und der Rad- und ÖPNV-Anteil so zunimmt, wurde schon vor Jahren im „Masterplan Mobilität“ (2010) propagiert – und ist grandios gescheitert.

Conrad von Meding schrieb dazu kürzlich in der HAZ: „Die neuesten Zahlen des Bundes sind eine Ohrfeige für Hannovers Verkehrspolitik. Das vom Rat beschlossene Ziel, mehr Menschen zum Umstieg vom Auto auf Rad, Bus und Bahn zu bewegen, ist gescheitert. In den vergangenen sechs Jahren jedenfalls hat sich nichts verändert: Konstant legen die Hannoveraner 19 Prozent ihrer Wege mit dem Rad zurück […].“

Dennoch trauen sich Politik und Verwaltung weiterhin nicht, entschlossen eine echte Verkehrswende einzuleiten – und dafür den Autoverkehr zurückzudrängen.

Genau dies ist aber notwendig, wie auch die beauftragten Planer abschließend eindeutig feststellen: Als „künftige Handlungsstrategie“ sollen die derzeitigen Maßnahmen „mit einer spürbaren „Push und Pull“-Strategie zu verschärfen, die den MIV zugunsten der alternativen Mobilitätsformen Fuß- und Radverkehr sowie ÖPNV einschränken.“**

Neben der Parkraumbewirtschaftung wird als Push-Maßnahme auch der „Fahrbahnrückbau zu Gunsten des Fuß- und Radverkehrs“ gefordert.

Warum von Push-Maßnahmen im gesamten Maßnahmenkatalog zuvor keine Rede ist?

Gute Frage. Vermutlich ist die hannoversche Politik weiterhin einfach nur hasenfüßig. Statt sich dem Unmut einiger Autofahrer zu stellen, wartet man lieber auf das Gerichtsurteil zur Klage der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Dann kann man die notwendigen Einschränkungen des MIV, getrost den „spinnerten“ Umweltschützern in die Schuhe schieben.

Danke für nichts!

Radverkehr als schnellstes Verkehrsmittel des innerstädtischen Verkehrs

Die im Plan vorgebrachte Zielvorstellung, den Radverkehr schnell und sicher zu machen – auch für Kinder und ältere Menschen – kann man nur 100%ig unterschreiben:

„Ziel ist es, das Fahrrad in seiner Rolle als schnellstes Verkehrsmittel des innerstädtischen Verkehrs im Radius bis 10 km zu festigen und die Infrastruktur hierfür auszulegen. Neben der Reisegeschwindigkeit haben die Sicherheit und der Komfort auf diesen Routen hohe Priorität, damit diese für Alltags- und Freizeitwege attraktiv sind und insbesondere ältere Menschen und Kinder sicher fahren können.“

Leider gibt es keinerlei Zeithorizont für die konkrete Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen vor. Nicht für das Fahrradverleihsystem, nicht für den Bike and Ride Ausbau, und nicht für den Ausbau von Velo-Routen und Radschnellwegen.

Traugig auch: Handlungsvorschläge für eine bessere Infrastruktur für Fußgänger fehlen gänzlich!

So kommt der „Masterplan“ über eine Absichtserklärung kaum hinaus. Ein Blick auf die Umsetzungsdefizite der vorangegangenen „großen Pläne“, lässt nichts Gutes erahnen.

Papier ist geduldig, heißt es. In Hannover ist es tiefenentspannt.

AK

Unsere Pressemitteilung zum Masterplan –>

* Weil der Plan mehr Fragen aufwirft, als beantwortet, haben wir der Stadt einen umfangreichen Fragenkatalog –> übergeben.

**Das der Fuß- und Radverkehr hier als „alternative Mobilitätsformen“ bezeichnet werden, sei geschenkt.

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